Crown Shyness: Darum stehen Baumkronen nicht auf Kuscheln

Wissenschaftler finden einfach keine Erklärung, warum Bäume so schüchtern sind

Crown Shyness: Darum stehen Baumkronen nicht auf Kuscheln
Stars Insider

11/03/20 | StarsInsider

LIFESTYLE Natur

Das nächste Mal, wenn Sie durch einen Wald mit hohen Bäumen spazieren, werfen Sie unbedingt einen Blick nach oben auf das wunderschöne Laubdach. Denn dort gibt es eine ganz besondere Überraschung, die Ihnen bestimmt noch nicht aufgefallen ist.

Sie werden dort oben das mysteriöse, natürlich auftretende Phänomen mit dem liebenswerten Namen "Crown Shyness", also auf Deutsch "Kronenschüchternheit", beobachten können. Der Begriff beschreibt, wie die Baumkronen (der oberste, blättrige Teil der Bäume) von einigen Baumsorten wachsen, ohne sich gegenseitig zu berühren. Die Bäume sind hierbei selbst vom Boden aus deutlich sichtbar voneinander getrennt – sie vermeiden penibel den Kontakt miteinander.

Die exakte physiologische Erklärung für die Crown Shyness muss noch gefunden werden, obwohl die Schönheit dieses Phänomens die Wissenschaftler schon seit geraumer Zeit beschäftigt. Die Crown Shyness wurde erstmals in der wissenschaftlichen Literatur in den 1920ern festgehalten. Obwohl seitdem fast 100 Jahre vergangen sind, ist es den Forschern bislang noch nicht gelungen, eine schlüssige Erklärung zu finden. Das heißt nicht, dass es keine Theorien über das Phänomen gäbe. Allerdings ist keine von ihnen zu hundert Prozent bewiesen. Lernen Sie hier, welche Theorien es gibt, die die Schüchternheit der Bäume erklären wollen.

Die Kronen formen ein Laubdach mit kanalähnlichen Lücken, die an natürliche Fraktale erinnern. Die Organisation und Synchronisation machen die Kronenschüchternheit zu so einem ehrfurchtgebietendem Phänomen. 

Allerdings sind nicht alle Bäume schüchtern. Der Effekt tritt normalerweise zwischen Bäumen der selben Spezies auf, aber er wurde auch schon zwischen unterschiedlichen Baumsorten beobachtet. 

Der australische Botaniker M.R. Jacobs schrieb seinem Buch aus dem Jahr 1955, "Growth Habits of the Eucalypts" (Deutsch: "Wachstumsgewohnheiten des Eukalyptus"), dass die Baumspitzen anfällig für Verschleiß seien, weshalb diese Lücken im Laubdach entstehen würden. 1986 wurde diese Theorie auch von Dr. Miguel Franco unterstützt, der feststellte, dass, wenn die Zweige der Sitka-Fichte und der Larix-Kaempferi-Bäume durch Abrieb beschädigt wurden, die jungen Zweige starben und so das Wachstum behinderten.

Es gibt unter den Wissenschaftler auch viele Anhänger der Idee, dass der durch starke Winde verursachte Kontakt zwischen den Ästen die Bäume zum Zurückweichen bringen würde. Es handle sich also um "wechselseitiges Stutzen". 

Interessanterweise überwinden die Bäume mit ein bisschen Hilfe die Schüchternheit. Durch Experimente versuchte man, die Bäume von ihrer Crown Shyness abzubringen. Wenn man die Bäume vom Schwingen und Kollidieren abhält, wachsen sie tatsächlich in die Lücken zwischen sich. 

Und es gibt noch viel mehr Theorien. Es könnte sich auch um einen Schutzmechanismus handeln, der laubfressende Insekten davon abhält, sich von einem Baum auf den nächsten auszubreiten. Viele blattfressende Schädlinge können zusammenarbeiten und kleine Konstrukte bilden, die sie vom Ast eines Baumes zum nächsten befördern. Daher könnten die Lücken ein natürlicher Abwehrmechanismus von Bäumen sein. 

Es gibt aber auch Wissenschaftler, die gegen adaptive Theorien argumentieren. Der malaysische Wissenschaftler Francis S.P. Ng studierte 1977 die Crown Shyness bei Kampferbäumen. Er fand keine Anzeichen von Abreibung, sodass es einen anderen Grund für das einzigartige Wachsmuster geben muss. Stattdessen brachte Ng die Lichtempfindlichkeit von den Baumspitzen vor. Da die Nähe auch den Lichteinfall behindert, bleibt immer ein gewisser Abstand zwischen den wachsenden Ästen.

Die Wissenschaft fand noch weitere Hinweise auf diese Theorie. Zum Beispiel sind Pflanzen in der Lage, den Abstand zu anderen Pflanzen durch das Messen der Frequenzen von dunkelrotem Licht zu messen. Die Erkennung von dunkelrotem Licht ermöglicht es Pflanzen, mit ihren Nachbarn um das Sonnenlicht zu konkurrieren. Wenn das Licht festgestellt wird, reagieren viele Pflanzenarten, indem sie das Wachstum von diesem Reiz weg lenken.

In ähnlicher Weise wird blaues Licht von Pflanzen verwendet, um eine Reaktion zur Vermeidung von Schatten einzuleiten. Zu diesem Mechanismus gehört es auch, sich von den Nachbarn fernzuhalten.

Es könnte auch etwas ganz anderes sein. Ein Natur-Guide erklärt, dass die Blätter des Borneo-Kampferbaums, welche besonders starkes Verhalten von Crown Shyness zeigen, Ethanol ausstoßen, um andere Bäume an einer Annäherung zu hindern. 

In der Botanik bezeichnet Allelopathie die Kommunikation (positive oder negative) zwischen Pflanzen. Dies geschieht, indem eine Pflanze verschiedene chemische Komponenten an die andere übermittelt. Im Grunde ist dies also eine Art für Pflanzen, mithilfe von chemischen Signalen miteinander zu kommunizieren.

Und was machen wir jetzt mit all den Theorien? Einige Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die Vielzahl von Hypothesen und experimentellen Ergebnissen auf mehrere Mechanismen hindeuten, die über verschiedene Arten hinweg wirken und so das Phänomen erzeugen. Dies wäre ein Beispiel für konvergente Evolution.

Das Mysterium ist beinahe schon befriedigend, da sein wunderschöner Anblick eigentlich nur die wahrhafte Unbegreiflichkeit von Mutter Natur bestätigen. Und Beste ist: Es ist nicht nur visuell ansprechend. Die Schüchternheit der Kronen lässt mehr Licht (und macht folglich eine effizientere Photosynthese möglich) auf den Waldboden durchdringen und hilft so auch den Bäumen, Schäden zu vermeiden, Krankheiten vorzubeugen und Schädlinge abzuwehren.

Am Ende ist die Kronenschüchternheit sogar nachvollziehbar. Jeder kennt wohl das Gefühl, die eigene Intimsphäre wahren zu wollen – die Bäume können dies absolut verstehen! Sie sind kultiviert, gemeinschaftlich und haben auch Gefühle.

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